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Begegnungen im Juli und August 2000 |
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| I. Teil: Südtirol - Vöran - Musikkapelle Vöran |
1. Geschichte Südtirols
Die ältesten Spuren menschlicher Besiedelung im Alpenraum stammen aus der Zeit um 12.000 v. Chr.: Nach dem Zurückweichen der letzten Gletscher und nach dem Wiederaufleben der Vegetation und der Fauna treffen wir bald auf die ersten Spuren der Menschen im mittleren Alpenraum. Die Auffindung der Gletscherleiche im Spätsommer 1991 am Hauslabjoch im Ötztal an der italienisch-österreichischen Grenze hat den Beweis erbracht, daß die Menschen schon vor 5300 Jahren die höchsten Alpenübergänge begangen haben. Während des Keltensturms im 5. und 4. Jh. v. Chr. vermischte sich die alpine Urbevölkerung mit den einwandernden Kelten.
Im 1. Jh. v. Chr. drangen die Römer immer weiter systematisch nach Norden vor und gliederten schließlich im Jahr 15 v. Chr. die keltischen Siedlungsgebiete im Alpenraum ihrem Imperium ein und gliederten das keltische Siedlungsgebiet in die drei Provinzen aufgeteilt: Rätien, Noricum und Venetia cum Histris auf.
In den Stürmen der um 375 n. Chr. einsetzenden germanischen Völkerwanderung brach das alt und marode gewordene römische Weltreich von Norden her zusammen. Das Gebiet südlich der Alpen wurde zunächst von den Ostgoten überrannt, unter deren König Theoderich im 5. Jh. in Oberitalien ein Ostgotenreich mit der Hauptstadt Ravenna entstand, und danach im 6. Jh. von den Franken, welche ab 568 von den Langobarden abgelöst werden, die sich von der Poebene nach Norden ausbreiten. 590 stoßen die Franken noch einmal vor, ab 600 dringen aber erfolgreich die Bayern ein. Zwischen den Bayern und den nachrückenden Slawen kommt es im Osten des Landes zwischen 590 und 610 zu Auseinandersetzungen. Anderthalb Jahrhunderte später, im Jahr 769, gründet der letzte Bayernherzog Tassilo III. das Kloster Innichen an der Toblacher Wasserscheide zur Missionierung der Slawen.
In einigen Gegenden allerdings konnte sich noch eine Kultur der alten römischen Provinz Rätien mit ihrem "räto-romanischen" Kolorit der lateinischen Sprache erhalten. Diese auch als "Ladiner" bezeichnete räto-romanische Sprachgruppe existiert heute noch in Südtirol und einigen Tälern der Schweiz. Die ladinische oder räto-romanische Sprache wir heute von ca. 26.000 Menschen in Südtirol gesprochen.
Den Sonderbestrebungen der Bayern machte der Frankenkönig Karl, der spätere Kaiser Karl der Große, im Jahr 778 ein Ende, nachdem er im Jahr 774 das Königreich der Langobarden unterworfen hatte. Der südliche Teil ab Bozen und Meran mitsamt dem Bistum Trient gehörte fortan zum Königreich Italien, der nördliche mit dem bayrischen Stammesherzogtum zum Frankenreich. Entsprechend der karolingischen Reichs- und Verwaltungsorganisation wurde dasd Gebiet in Gaue und Grafschaften eingeteilt; der Name Vinschgau erinnert noch daran. Die Frankenkönige belehnten in den Jahren 1004 und 1027 den Bischof von Trient mit Trient, der Grafschaft Bozen und dem Vinschgau, den Bischof von Brixen mit dem Eisack- und Inntal. Da jedoch die persönliche Ausübung weltlicher Herrschaft mit dem geistlichen Amt eines Bischofs unvereinbar war, übergaben die Bischöfe die weltliche Gewalt über ihre Lehen an Adelige. Die Grafen von Morit-Greifenstein wurden vom Bischof von Trient mit der Verwaltung der Grafschaft Bozen beauftragt, vom Bischof von Brixen wurden sie zu Vögten, d. h. zu Schutzherren für die Bischöfe, eingesetzt. Die Grafen von Eppan erhielten die nach ihnen benannte Grafschaft Eppan. Im Vinschgau wurden die Grafen von Tirol seit der Mitte des 12. Jahrhunderts als Verwalter der Grafschaft der Bischöfe von Trient nachweisbar. Bald nach dem Aussterben der Grafen von Morit-Greifenstein im Jahr 1165 erwarben die Grafen von Tirol zusätzlich die Grafschaft Bozen und um 1200 die Vogtei des Bistums Trient. Im Laufe des 13. Jahrhunderts setzten sie sich auch noch im Bistum Brixen fest. Hier hatten seit ungefähr 1170 die mächtigen Grafen von Andechs, seit 1180 Herzöge, die Grafschaft und Vogtei inne. Nachdem sie 1209 von einem Reichsgericht der Beihilfe an der Ermordung König Philipps für schuldig befunden worden und der Reichsacht verfallen waren, verloren die Andechser aber auch im Bistum Brixen ihre Ämter und Lehen. Bei dieser Gelegenheit gelang es Albert III. von Tirol, in Brixen Fuß zu fassen. Nach der Rehabilitierung der Andechser konnte Albert von Tirol die Vogtei im Eisacktal behalten. Als der letzte Andechser schließlich 1248 ohne Erben starb, beanspruchte Albert III. von Tirol aufgrund eines Erbvertrages mit Erfolg dessen Rechte im Inn- und Pustertal. Im gleichen Jahr starb Graf Ulrich von Eppan-Ulten. Da Albert von Tirol auch diesmal erfolgreich seine Ansprüche durchsetzte, belehnte ihn Bischof Egno von Trient, ein geborener Graf von Eppan, mit der Grafschaft Eppan. Damit hat Graf Albert von Tirol die Grafschaften sowie die Vogteien sowohl der Bischöfe von Brixen wie der Bischöfe von Trient in seiner Hand vereinigt, mit anderen Worten, beide Hochstifte unter seine Herrschaft gebracht. Aus diesem Grunde wird das Jahr 1248 nicht zu Unrecht die Geburtsstunde Tirols bezeichnet. Nicht von ungefähr kommt nun für das gesamte Gebiet in den Urkunden die Bezeichnung ,,Herrschaft der Grafen von Tirol« oder einfach ,,Grafschaft Tirol« auf und setzt sich gegen die ältere und unpolitische ,,Land im Gebirge« durch.
Graf Albert III. von Tirol starb 1253 ohne männliche Erben. Seine Schwiegersohne Gebhard von Hirschberg und Meinhard III. von Görz teilten 1254 sein Erbe so unter sich, daß der erste das Inn- und Wipptal bis in die Gegend des heutigen Franzensfeste erhielt, während Meinhard von Görz die südlichen Teile, das Etsch-, Eisack- und Pustertal blieben. Damit schien das große Lebenswerk Alberts III. von Tirol in Frage gestellt. Sein Enkel, als Meinhard II. von Tirol bekannt, ein echter Nachkomme Alberts, der ihm als unternehmungsfreudiger Politiker und kluger Taktiker sowie kühler Rechner sehr ähnlich war, sollte der Vollender Tirols werden. Nach dem frühen Tod ihres Vaters, Meinhards III., regierten Meinhard und Albert zunächst gemeinsam. 1271 teilten sie ihr Erbe so, daß Albert die Stammlande Görz mit dem Pustertal ab der Mühlbacher Klause erhielt und Meinhard Tirol. Meinhard kaufte nun vorerst von seinem Onkel Gebhard von Hirschberg dessen Anteil im Inntal. Dann ging er daran, seine Stellung in Tirol auszubauen, indem er sich geschickt die Zeit des Interregnums, also das Machtvakuum während der kaiserlosen Zeit im Deutschen Reich, zunutze machte. Waren die weltlichen Adeligen von den Bischöfen von Brixen und Trient ursprünglich als bloße Vögte und Grafschaftsverwalter eingesetzt worden, so drehten sich die Machtverhältnisse allmählich um: die Bischöfe wurden von den Grafen von Tirol abhängig und konnten ohne deren Zustimmung kaum mehr eine Entscheidung fällen. Schließlich stand die alleinige Herrschaft des Grafen Meinhard II. von Tirol im Lande zwischen Inn, Etsch und Eisack außer Frage. Diejenigen einheimischen Adelshäuser, welche seinen Absichten widerstrebten, schaltete er zielstrebig aus und kaufte ihnen ihren Besitz mit mehr oder weniger Zwang ab. Für seine Dienste holte er sich tüchtige und ergebene Leute aus den untersten Schichten. Er schuf eine für die damalige Zeit in Europa mustergültige Verwaltung und sorgte durch Schutzprivilegien für den bereits blühenden Durchzugshandel von Italien nach Deutschland. Ein allgemeines Landrecht regelte das tägliche Leben im Inneren des Landes und schützte insbesondere den kleinen Mann vor Õbergriffen. Kurz, das Land war als wohlhabend bekannt und begehrt. Mit Meinhard II. kam die territoriale Ausbildung Tirols zu einem Abschluß. Die Bischöfe von Brixen und Trient versuchten zwar beständig, den Ausbau der Macht durch Meinhard von Tirol zu verhindern, doch gelang Meinhards Söhnen schließlich im Jahr 1307 die Versöhnung mit den Bischöfen. Seitdem verblieb den beiden Bischöfen ein stark verkleinertes Gebiet, welches sie als selbständige Landesfürsten bis zur Auflösung des Deutschen Reiches im Jahre 1803 regierten. In diesem Jahr wurde ihr Gebiet säkularisiert und vollständig dem Land Tirol einverleibt.
Der Wohlstand Tirols weckte fremde Begehrlichkeiten: zunächst versuchten die Herzöge von Bayern und die Herzöge von Österreich nach dem Aussterben der Grafen von Tirol im Jahr 1335 vergeblich, das Land unter sich aufzuteilen. Durch eine geschickte Heiratspolitik verheiratete sich eine Enkelin des Grafen Meinhard mit Herzog Ludwig von Bayern und Brandenburg und konnte so die Einheit Tirols bewahren, weil der Herzog von Bayern nun nicht mehr daran dachte, sich Tirol mit dem Herzogtum Österreich zu teilen. Nach dem Tod Herzog Ludwings von Bayern im Jahr 1361 beanspruchten die österreichischen Habsburger Tirol jedoch erneut für sich. Rudolf IV. von Habsburg, Herzog von Österreich, ein geschickter und politisch gewandter wie auch wagemutiger Fürst, gelang es, den Herzögen von Bayern das Land Tirol abzujagen. Die Habsburger tasteten die Souveränität der Tiroler Landstände nicht an und gewannen so deren Sympathien. Die Vereinigung Tirols mit Habsburg, dem mächtigsten Fürstenhaus Süddeutschlands, eröffnete vollkommen neue Perspektiven. Für Österreich bedeutete es die geschlossene Kontrolle der Alpenübergänge zwischen Italien und Deutschland, was die Kontrolle des Handels zwischen den beiden genannten Ländern beinhaltete. Für Tirol bedeutete es, da die Eigenständigkeit nicht nur nicht angetastet, sondern gefördert wurde und da es bald ein selbständiges Land des Hauses Habsburg wurde, welchem die Vorlande, d. h. die Gebiete in Südwestdeutschland dazugegeben wurden, eine nicht unbedeutende Aufwertung. Auf der anderen Seite brachte gerade die Angliederung der noch erhaltenen Hausgüter der Habsburger in der Bodenseegegend eine Feindschaft mit den mächtig nach Freiheit strebenden Schweizern. Die mit den Schweizern geführten Kriege endeten mit Gebietsverlusten und zwei verlorenen Schlachten an der Sempach im Jahr 1386 und an der Kalven bei Glurns im Jahr 1499.
Das 15. Jahrhundert brachte Tirol einen weiteren sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung: der bereits blühende Durchzugshandel von Italien nach Deutschland und umgekehrt strebte seinem Höhepunkt zu, der bis dahin fast bedeutungslose Erzabbau entfaltete sich in unvorhergesehener Schnelligkeit zu einem Wirtschaftsboom, die Leibeigenschaft verschwand fast vollständig zugunsten eines freien Tiroler Bauernstandes.
1490 übergab Erzherzog Sigmund von Österreich das Land Tirol seinem nächsten Verwandten, Maximilian, welcher seinem Vater Friedrich III. als deutscher Kaiser nachfolgte. Unter Kaiser Maximilian wurden Tirol und speziell die Landeshauptstadt Innsbruck wegen der häufigen Aufenthalte des Kaisers in Tirol zum Zentrum der europäischen Politik. Maximilian vergrößerte Tirol beträchtlich. Er erbte 1500 von den ausgestorbenen Görzer Grafen das Pustertal von der Mühlbacher Klause bis an die Ostgrenze von Lienz, im Nordosten gewann er 1504 die bedeutenden Gerichte Rattenberg, Kitzbühel und Kufstein dazu, im Süden durch den Krieg mit Venedig (1509-1516) Teile Veneziens.
Dem Aufstieg folgte schon bald der Niedergang: Die Predigten Martin Luthers
und seiner Anhänger, allgemeine Unruhen und Rechtsunsicherheiten in
Deutschland, aber auch soziale und wirtschaftliche Umwälzungen sowie
religiöse Unsicherheiten und vor allem eine allgemeine Unzufriedenheit
der Bevölkerung im Lande, welche sich in zahlreichen Beschwerden
niederschlug, führten seit dem Tode Kaiser Maximilians zusehends zu
einer Krisenstimmung, welche nicht zuletzt noch durch Mißernten und
schlechte Witterung weiter angeheizt wurde. In dieser Situation gab die Befreiung
des Brixner Rebellen Peter Passlers am 9. Mai 1525 das Zeichen zum Aufstand
gegen die katholischen Habsburger. In Verhandlungen konnten sich die
aufständischen Tiroler weitere Freiheitsrechte sichern. 1526 wurde die
erste gedruckte Tiroler Landesordnung erlassen. Der Schwung des Aufstandes
klang jedoch bald ab. 1532 wurde die Landesordnung überarbeitet und
neu herausgegeben. In der neuen Fassung wurde die Autorität der
habsburgischen Landesfürsten gefestigt, von den Zugeständnissen
von 1526 war kaum mehr etwas vorhanden. Auch Tirols Stellung innerhalb der
Habsburgergebiete erlitt einen Rückschlag: Die Herrschaftsteilung zwischen
Kaiser Karl V., dem Sohn Kaiser Maximilians, und seinem Bruder Ferdinand
I., der das Herzogtum Österreich erhalten hatte, sowie der Aufstieg
Österreichs zur Großmacht durch die Erwerbung Ungarns und
Böhmens im Jahr 1526 brachte Tirol in eine neue geopolitische Situation.
War es unter Kaiser Maximilian Zentrum des Reiches gewesen, so wurde es nun
zum Randgebiet. Schließlich erlitt Tirol auch wirtschaftliche
Rückschläge, als der Bergbau - mit Ausnahme des Salzabbaus - in
kurzer Zeit durch die reichen Gold- und Silberfunde in der Neuen Welt viel
an Bedeutung verlor. Der Handel zwischen Italien und Deutschland bekam stark
die Konkurrenz der neuen Handelszentren an der atlantischen Küste zu
spüren. Die gesamtstaatliche Verwaltungsreform unter Maria Theresia
(1740-1780) errichtete in Tirol eine Regierung, die in ihren Handlungen an
die Weisungen der Wiener Zentralbehörden gebunden war. Dies bedeutete
einen gewaltigen Abstrich der alten Tiroler Freiheiten und
Selbständigkeiten. Trotzdem verstand es die Kaiserin, sich in diesem
Lande die Sympathien zu bewahren. Auch in den Reformen auf den übrigen
Gebieten (Recht, Wirtschaft und Kultur) hatte sie ein gutes Gespür für
das Erträgliche. Ihrem Sohn Joseph II. (1780-1790) ging das Feingespür
seiner Mutter vollkommen ab. Seine radikalen Reformen, welche aus dem reinen
Aufklärertum erwuchsen, fanden in Tirol keine Gegenliebe. Die weitere
Mißachtung der alten Landesfreiheiten, die Ausschaltung der
Landstände und vor allem seine reformerischen Eingriffe ins religiöse
Leben des Landes (Aufhebung von Klöstern, Sperrung von Kirchen usw.),
nicht zuletzt auch sein Toleranzpatent, welches die Freiheit der
Religionsausübung vorsah, stießen in dem katholischen Tirol auf
heftigsten Widerstand. Nach dem frühen Tod Josephs II. und unter dem
Einfluß der Französischen Revolution ließ sein Nachfolger
Leopold II. (1790-1792) sofort einen Landtag einberufen. Diese
hauptsächlich von konservativen Kräften geleitete Landesversammlung
wollte die Zustände vor 1740 wiederherstellen. In vielem gab Leopold
II. nach, vor allem bestätigte er wieder die alten Rechte und Freiheiten,
anerkannte er die Landstände und versprach er, sie vor dem Erlassen
neuer Gesetze anzuhören; doch er behielt sich das alleinige Recht vor,
Gesetze zu erlassen. Er hob die von seinem Bruder eingeführte
Militärpflicht wieder auf und bestätigte das alte
Landesverteidigungssystem. Diese Landesverteidigung mit jahrhundertealten
Traditionen, auf die die Tiroler seit den Erfolgen von 1703 gegen die Bayern
sehr stolz waren, sollte sich in allernächster Zeit wieder bestens
bewähren. Gemeinsam mit dem österreichischen Heer unter General
Laudon vertrieb der Landsturm 1797 die Franzosen aus Tirol. Die Schlacht
bei Spinges am 2. April 1797 mit dem Heldenmädchen Katharina Lanz ist
aus der Tiroler Geschichte nicht wegzudenken.
Im Jahr 1803 wurde das Deutsche Reich aufgelöst. 1805 verlor
Österreich Tirol. Gegen die Eingliederung in das Königreich Bayern
erhob sich sofort die Bevölkerung, welche am Haus Habsburg und an
Österreich hing. Daß aber Bayern seit 1807 Tirol in das bayerische,
absolutistische System ohne Rücksicht auf die alten freiheitlichen
Traditionen Tirols eingliederte und der Name Tirol aus der politischen Geographie
gestrichen wurde, verletzte zusammen mit den aufklärerischen und
kirchenfeindlichen Reformen die Tiroler zutiefst und führte zur Erhebung
von 1809. Den Zwangsrekrutierungen zum bayerischen Militär entzogen
sich die jungen Männer vielfach durch Flucht in die Berge, auch nach
Österreich. Als Österreich 1809 beschloß, einen neuerlichen
Krieg gegen Napoleon zu wagen, brach in Tirol eine das ganze Land umfassende
Volkserhebung aus. Unter der Führung des Viehhändlers und Gastwirtes
aus dem Passeier, Andreas Hofer, gelangen den Tiroler Bauern trotz der schwachen
Hilfe von regulären österreichischen Truppen wiederholt bedeutende
Erfolge gegen die bayerisch-französischen Truppen. In vier Schlachten
am Berg Isel (12. April/25. und 29. Mai/13. August 1809) befreite das Aufgebot
der Tiroler Landesschützen die Landeshauptstadt Innsbruck dreimal aus
der Hand der Feinde aus Bayern und Frankreich. Als Österreich geschlagen
im Oktober schließlich den Frieden von Schönbrunn mit Frankreich
geschlossen hatte, war auch das Schicksal Tirols besiegelt. Trotzdem wollte
man in Unterschätzung der Gefährlichkeit der Lage nicht wahrhaben,
daß für ein auf sich allein gestelltes Tirol ein weiterer Widerstand
gegen das siegreiche Heer Napoleons sinnlos war. Napoleon bestimmte Truppen
in der Stärke von 50.000 Mann zur Besetzung Tirols. Diese zum Teil
französischen, zum Teil bayerischen Kontingente unter der Führung
von französischen Generälen nahmen Tirol von Norden und Süden
her in die Zange. Trotz eines Amnestieerlasses für die Teilnahme an
den vorhergehenden Aufständen, kam es am 1. November 1809 zu einer letzten
und diesmal verlustreichen Schlacht am Berg Isel bei Innsbruck, die mit einer
Niederlage der Tiroler endete. Von seinen engsten Freunden schlecht beraten
und persönlich unschlüssig, gab Andreas Hofer die Sache noch nicht
endgültig auf. Die letzten Widerstandskämpfe mit örtlichen
Erfolgen zogen sich bis in den Dezember hinein. Schließlich mußte
Andreas Hofer flüchten, sein Versteck auf den Passeirer Almen wurde
verraten, am 20. Februar 1810 wurde er nach einem Scheinprozeß in Mantua
hingerichtet. Tirol wurde geteilt. Der nördliche Teil bis Meran und
Klausen kam zu Bayern, der Teil südlich davon zu dem von Napoleon
gegründeten Königreich Italien, das Pustertal kam zu Napoleons
Kaiserreich Frankreich. Als Napoleon 1813 bei Waterloo in Belgien von den
vereinigten Truppen der preußischen und britischen Armeen unter Wellington
und Blücher geschlagen wurde, wurde diesem Zustand ein Ende gesetzt.
Tirol kam wieder zu Österreich.
Der absolutistische und konservative Staat Österreich der nachnapoleonischen Zeit hatte indessen für ein Sonderleben Tirols kein Verständnis. Tirol wurde zur Provinz degradiert. In seinem Umfang war es aber durch die vollständige Eingliederung der fürstbischöflichen Gebiete von Brixen und Trient bedeutend vergrößert worden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren wegen des Rückganges des Handels und wegen der Kriegsfolgen nach den Kriegen der Habsburger gegen Napoleon und wegen einiger Mißernten sehr bedrückend. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurden die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse wegen des anhaltenden Handelsniederganges, der Agrarkrise und der sehr zaghaften Industrialisierung noch drückender. Politisch erwachten die nationalen Gegensätze zwischen Deutschen und Italienern sowie die parteilichen Kämpfe. 1848/49 forderten die Trentiner Volksvertreter im österreichischen Reichstag und in der Frankfurter Nationalversammlung die Abtrennung des italienischsprachigen Landesteiles Tirols.
Als 1915 Italien gegen Österreich in den 1. Weltkrieg eintrat, war Tirol ohne militärischen Schutz, da die österreichischen Truppen bereits an der russischen und serbischen Front kämpften. Kaum 20.000 Mann militärischer und paramilitärischer Einheiten standen im Land. So formierte sich nochmals aus den unter 21- und über 43jährigen - die dazwischenliegenden Jahrgänge waren bereits einberufen - der Landsturm. Dieser sicherte die Grenze Tirols so lange, bis von den übrigen Fronten ordentliche Truppen herangezogen waren. Trotz erfolgreicher Verteidigung der Grenzen Tirols gegen Italien scheiterten die Versuche Österreichs, nach dem Untergang der Donaumonarchie das Land Tirol vor der Zweiteilung zu bewahren. Der Friedensvertrag von Saint Germain beendete am 10.9.1919 den 1. Weltkrieg. Tirol wurde südlich des Brenners zu Italien geschlagen. Tirol war in zwei Teile geteilt. England und Frankreich haben bereits im Londoner Vertrag von 1915 Italien die Brennergrenze zugesichert als Belohnung für Italiens Kriegseintritt an der Seite der westlichen Alliierten. Der amerikanische Präsident Wilson, der an diese Zusage nicht gebunden war, stimmte nach längerem Zögern auch der Zerreißung Tirols zu. Italien erhielt im Friedensvertrag keinerlei Auflage für den Schutz der deutschen und slowenischen Minderheiten. Italiens neuer König Viktor Emanuel sicherte in seiner Thronrede am 1. Dezember 1919 den neuen Provinzen "sorgfältige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung" zu. Doch gewährte das Königreich Italien den Südtirolern keinerlei autonome Rechte.
Am 28. Oktober 1922 traten die Faschisten den Marsch auf Rom an. Am nächsten Tag übergab der schwache König dem Führer (Duce) der faschistischen Partei, Benito Mussolini, die Regierung und damit die Macht im Staate. Die Faschisten haben die Vernichtung der deutschen Minderheit auf ihre Fahne geschrieben. Man kann ihr Programm in drei Abschnitte unterteilen: Entnationalisierung der Südtiroler, Massenansiedlung von Italienern und Aussiedlung der Südtiroler. Mit Dekret des faschistischen Präfekten wurde daher jeder Unterricht in deutscher Sprache verboten und unter Strafe gestellt. Lehrpersonen, die beim Deutschunterricht ertappt werden, wanderten in die Gefängnisse und wurden auf die Strafinseln oder in abgelegene Orte Süditaliens verbannt. Alle deutschen Lehrpersonen wurden des Dienstes enthoben oder in die altitalienischen Provinzen versetzt. Ebenso wurden alle deutschen Beamten entlassen und keine neuen mehr eingestellt. Italienisch wurde 1925 zur alleinigen Amtssprache erklärt. 1923 wurden alle Ortsnamen italienisiert und der Name Tirol verboten. Alle deutschen wirtschaftlich-sozialen Verbände (Bauernbund, Gewerkschaften) und auch alle deutschen Vereine (Alpenverein, Turnverein, usw.) wurden aufgelöst und ihres Vermögens beraubt. Die öffentlichen Ankündigungen, Wegweiser, Aufschriften, Firmenschilder mußten italienisch abgefaßt werden. Alles Deutsche wurde aus dem öffentlichen Leben verbannt. Trotz all dieser Maßnahmen mißlang die nachhaltige Italienisierung Südtirols. Die Hoffnungen vieler Südtiroler richteten sich in dieser Situation auf das nationalsozialistische Deutschland. 1938 rückte Hitlers Wehrmacht in Österreich ein. Das Dritte Reich stand am Brenner. Zur Enttäuschung vieler Südtiroler nahm Hitler gegenüber den Südtirolern eine eher ablehnende Haltung ein. Er wollte den italienischen Amtskollegen Benito Mussolini unbedingt zum Bundesgenossen für seine Kriegsabsichten gewinnen. In diesem Bemühen stellte Südtirol einen nicht geringen Störfaktor dar. Anläßlich seines Staatsbesuches in Rom erklärt Hitler in seinem Trinkspruch am 7. Mai 1938: "Es ist mein unerschütterlicher Wille und mein Vermächtnis an das deutsche Volk, daß es die von der Natur uns beiden aufgerichtete Alpengrenze immer als eine unantastbare ansieht". Mussolini genügte diese feierliche Versicherung noch nicht. Er wollte mit dem Südtirolproblem endgültig Schluß machen. Daher wurde am 22.6.1939 in Berlin wurde das Deutsch-Italienische Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler geschlossen. Sie konnten bis zum 31. Dezember 1939 für die deutsche Staatsbürgerschaft optieren mit der Verpflichtung der Auswanderung oder für die Beibehaltung der italienischen mit der Drohung, daß sie keinen Schutz für ihr Volkstum mehr in Anspruch nehmen könnten. Wer nicht optierte, bekannte sich automatisch zur italienischen Staatsbürgerschaft. Als die Nachricht von dieser Vereinbarung am 29. Juni 1939 bekannt wurde, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Statt Sonderrechte in ihrer Heimat sollten die Deutschstämmigen umgesiedelt und das Land von allen deutschen Bewohnern geräumt werden. In den ersten Monaten übten die Italiener mit Drohungen und Übergriffen Druck für das Optieren - also den Wechsel der Staatsbürgerschaft und die Aussiedelung - aus. Die Option hat im Volk eine tiefe Kluft gerissen. Die Minderheit der Nichtoptanten, der Dableiber, war schweren Anfeindungen und Übergriffen von seiten der Optantenmehrheit ausgesetzt. Die von einigen verständnisvollen Amtspersonen der deutschen Umsiedlungsämter angewandte Verzögerungstaktik, aber vor allem der Beginn des 2. Weltkrieges, verhinderten die volle Durchführung der Umsiedlungspläne.
Im Zweiten Weltkrieg bildeten Mussolinis faschistisches Italien und Hitlers nationalsozialistisches Deutschland zusammen mit dem faschistischen Japan zunächst die sogenannten Achsenmächte. Kriegsgegner waren die Alliierten Mächte Frankreich und Großbritannien, danach noch die Sowjetunion - nach dem Angriff Japans auf den amerikanischen Kriegshafen Pearl Harbour auf Hawaii - zuletzt schließlich auch die USA. Am 8.9.1943 schloß Italien nach dem Sturz Mussolinis mit den Alliierten einen separaten Waffenstillstand. Deutsche Truppen besetzten daraufhin den größten Teil des Landes bis Neapel. Ohne Wissen des deutschen Hauptquartiers unterzeichneten die Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in Italien jedoch mit den Alliierten einen separaten Waffenstillstand mit Wirkung zum 30.4.1945. Sie ersparten damit den Tirolern südlich und nördlich des Brenners den Bombenhagel der alliierten Luftwaffe. Diese hätte Süd- und Nordtirol in Trümmer gelegt, falls die Deutschen auf Hitlers wahnwitzigem Plan der Verteidigung einer "Alpenfestung" bestanden hätten. Damit war in Italien der Krieg bereits acht Tage früher zu Ende als im übrigen Deutschland, wo die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht erst zum 8. Mai 1945 wirksam wurde. In den ersten Maitagen rückten die Alliierten in Südtirol ein.
Bereits am 8. Mai 1945 gründete der Bozner Kaufmann Erich Amonn mit einer Gruppe Gleichgesinnter die Südtiroler Volkspartei, die für das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler eintrat. Die Partei wurde von den Alliierten sofort anerkannt, weil sie aus der Südtiroler Widerstandsbewegung "Andreas-Hofer-Bund" hervorgegangen war. Der Bund war im November 1939 von jungen Südtiroler Nichtoptanten gegründet worden. Die Geheimorganisation hatte intensive Gegenpropaganda gegen die Abwanderung entfaltet und bereits im Frühjahr 1943 mit den westlichen Alliierten Fühlung für eine rasche Beendigung des Krieges und für die Rückgliederung des Landes an Österreich nach Kriegsende aufgenommen. Am 1. Mai 1946 wiesen die Außenminister der vier alliierten Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion die österreichische Forderung einer Volksabstimmung in Südtirol endgültig ab. Auf Drängen der Westmächte kam es am Rande der Pariser Friedenskonferenz aber wenigstens noch zum Abschluß eines Schutzvertrages für Südtirol zwischen dem italienischen Ministerpräsidenten Degasperi und dem österreichischen Außenminister Gruber geschlossen. Dieser Pariser Degasperi-Gruber-Vertrag sicherte den Südtirolern besondere Maßnahmen zur Erhaltung des Volkscharakters sowie der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu. Dazu zählten Schulen in der Muttersprache, Gleichstellung der deutschen Sprache, Gleichberechtigung bei der Einstellung in den öffentlichen Dienst, Revision der Option von 1939, Anerkennung von Studientiteln, erleichterter Warenaustausch zwischen Nord- und Südtirol und als wichtigste Klausel die Gewährung einer Autonomie an die Bevölkerung der Provinz Bozen. Das zweiseitige italienisch-österreichische Südtirolabkommen wurde in den Friedensvertrag der Alliierten mit Italien aufgenommen. Mit dieser Einfügung war die Südtirolfrage eine internationale Frage geworden. In den 1950er Jahren kam es mehrfach zu diplomatischen Konflikten zwischen Österreich und Italien wegen der Umsetzung des Pariser Degasperi-Gruber-Abkommens. Statt einer autonomen Provinzregierung für Südtirol wurde eine Region Bozen-Trentino mit einer Regionalregierung geschaffen, in welcher wegen der italienischen Bevölkerungsmehrheit im Trentino die Italiener überwogen und die Provinz Bozen lediglich zwei Mitglieder in der ansonsten italienisch dominierten Regionalregierung stellten. Österreich forderte "Verhandlungen" über die Südtirol-Frage, doch Italien bot lediglich unverbindliche "Gespräche" an: die Südtirol-Frage sei eine nationale, keine internationale Frage; Österreich sei somit kein Verhandlungspartner. In einer Massenkundgebung auf Schloß Sigmundskron protestierten am 17. November 1957 über 35.000 Südtiroler gegen die Unterwanderung ihrer Heimat, gegen die Nichterfüllung des Pariser Vertrages und forderten mit dem "Los von Trient!" eine eigene Autonomie für Südtirol. Statt dessen versuchte die römische Zentralregierung die den Südtirolern im Autonomiestatut zuerkannten Befugnisse in wesentlichen Punkten weiter zu beschneiden. Als Protest kündigte die Südtiroler Volkspartei am 31. Januar 1959 die Zusammenarbeit in der Region auf. Die beiden Mitglieder in der Regionalregierung wurden abberufen. Zwei Tage nach dem Bruch in Trient fuhr die Parteileitung der Südtiroler Volkspartei nach Wien, um der österreichischen Bundesregierung, dem Partner des Pariser Vertrages, Bericht zu erstatten. Der österreichische Außenminister Dr. Bruno Kreisky kündigte in der Vollversammlung der Vereinten Nationen im September 1959 an, daß Österreich die nächste UNO-Vollversammlung im Herbst 1960 ersuchen werde, sich mit der Südtirolfrage zu befassen, falls in der Zwischenzeit die italienisch-österreichischen "Gespräche" kein Ergebnis zeitigen sollten. Da keinerlei Fortschritte erzielt wurden, ließ Österreich das Südtirolproblem auf die Tagesordnung der 15. UNO-Vollversammlung setzen. Am 31.10.1960 genehmigte die Vollversammlung der Vereinten Nationen einstimmig eine Resolution zur Südtirolfrage. Die Resolution fordert beide Staaten zu "Verhandlungen" auf, um alle Meinungsverschiedenheiten betreffend das Pariser Abkommen zu bereinigen. Damit haben die Vereinten Nationen die Stellung Österreichs als Verhandlungspartner in der Südtirol-Frage bekräftigt. Die Außenminister beider Staaten trafen sich nunmehr im Januar, Mai und Juni 1961 zu Verhandlungen, welche jedoch im wesentlichen ergebnislos bleiben. Italien erklärte sich nur zu einer besseren Durchführung des vorliegenden Autonomiestatutes bereit, widersetzte sich aber jeder Abänderung des Autonomiestatutes selbst. Österreich beantragte deshalb am 18. November 1961 erneut eine Resolution vor der Vollversammlung. In der "Feuernacht" vom 11. Juni 1961 waren Dutzende von Strommasten in die Luft gesprengt worden, und Südtirol rückte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit. Die Regierung in Rom konnte sich dem Druck der internationalen Aufmerksamkeit nicht länger widersetzen und setzte die sogenannte Neunzehnerkommission ein, die die Südtirolfrage unter allen Gesichtspunkten analysieren und der Regierung Vorschläge unterbreiten sollte. Sie setzte sich aus sieben Südtirolern, einem Ladiner und elf Italienern zusammen. Die Kommission schloß ihre Arbeiten am 10. April 1964 ab. Sie macht sich einen Gutteil der Südtiroler Forderungen zu eigen, aber sehr wichtige Punkte bleiben noch offen. Unmittelbar nach Abschluß fand am 25. Mai 1964 in Genf eine Konferenz zwischen den Außenministern Bruno Kreisky und Giuseppe Saragat statt, in welcher die Einsetzung einer italienisch-österreichischen Expertenkommission vereinbart wurde. Als Grundlage für die Besprechungen werden die Ergebnisse der Neunzehner-kommission herangezogen. Die erzielten Verbesserungen genügten den Südtiroler jedoch noch nicht. In den folgenden Jahren kam es zu österreichisch-italienischen Expertengesprächen im ganz kleinen Kreis und schließlich zu Verhandlungen zwischen dem Südtiroler Landeshauptmann Dr. Magnago und Ministerpräsident Aldo Moro. Die Resultate der Genfer Besprechungen können noch wesentlich ausgeweitet werden. Die Landesversammlung der SVP in Meran stimmte daraufhin am 22.11.1969 mit knapper Mehrheit dem zu einem "Paket" zusammengefaßten Verhandlungsergebnis zu. Erst wenn Italien dieses sogenannte "Südtirol-Paket" Paket zur Gänze erfüllt haben würde, wollte Österreich die Erklärung abgeben, daß Wien den bei der UNO behängenden "Streit über die Durchführung des Pariser Abkommens als beendet erachtet". Am 20.1.1972 trat das im Südtirol-Paket in Aussicht gestellte neue Autonomiestatut tritt am in Kraft. Die Durchführung des Pakets erweist sich jedoch im Detail als außerordentlich schwierig, so daß die Fristen für den Erlaß von Durchführungsbestimmungen im gegenseitigen Einvernehmen immer weiter hinausgeschoben werden. Am heikelsten erweist die Sprachenfrage, d. h. die Durchführung der Gleichstellung der deutschen Sprache auf allen Ebenen des täglichen Lebens. Erst 20 Jahre und 10 Tage nach Inkrafttreten des Südtirol-Pakets, am 30.1.1992 genehmigte die römische Regierung unter Ministerpräsident Giulio Andreotti die letzten wichtigen Durchführungsbestimmungen. Wenige Stunden später erklärt trat Ministerpräsident Andreotti von seinem Amt zurück und erklärte in seiner Rücktrittserklärung vor dem römischen Parlament das "Paket" für erfüllt. Zukünftige Änderungen sollten nur noch mit Zustimmung der Südtiroler Bevölkerung vorgenommen werden können. Am 11.6.1992 erklärte Österreich gegenüber der UNO den Streit zwischen Italien und Österreich um die Rechte der Südtiroler für beigelegt, erklärte sich aber zugleich zur Garantiemacht für die Autonomie der Provinz Südtirol: Österreich werde auch weiterhin wachsam gegen Versuche zur Aushöhlung der Südtirol-Autonomie sein und bei gravierenden Verletzungen von sich aus den Internationalen Gerichtshof anrufen.
Im täglichen Leben und im Grenzverkehr zwischen Österreich und Südtirol markierte der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union am 1.1.1995 eine wichtige Zäsur. Neue Möglichkeiten in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf regionaler Ebene eröffneten sich. Mit der Inkraftsetzung des Abkommens von Schengen am 1.4.1998 wurden die Grenzkontrollen abgebaut, womit die vor 80 Jahren gezogene Brennergrenze kaum mehr spürbar war.
Mit viel Interesse wird in Südtirol heute die italienische Verfassungsdiskussion über Regionalismus- und Föderalismusmodelle mitverfolgt. Für die anstehende Verfassungsreform wird von den SVP-Kammerabgeordneten ein Reformkonzept erstellt, das die Abschaffung der bisherigen Region Trentino-Südtirol und die Errichtung einer eigenen Region Südtirol ("Bundesland" Südtirol) mit mehr Eigenständigkeit und Selbstverwaltungsbefugnissen vorsieht.
2. Vöran
Vöran mit seinen rund 860 Einwohnern liegt auf 1200 m NN auf dem Tschögglberg über Meran (800 m NN). Bis Anfang der 80er Jahre war das Dorf nur auf einer schlecht befahrenen Straße oder über die Seilbahn Burgstall-Vöran erreichbar. Heute führt eine gut ausgebaute Straße von Meran über Hafling nach Vöran. Landwirtschaft und Handwerk prägen die wirtschaftliche Situation. Die Bevölkerung ist zu 99 % deutschsprachig. Das Gemeindewappen ist ein blau-gelb-rotes Schild mit einem Ochsenjoch. Rot symbolisiert den auf dem Tschögglberg vorherschenden roten Porphyrstein, gelb die (heute selten gewordenen) Weizenfelder, blau den Himmel.
3. MK Vöran
Die Musikkapelle Vöran wurde im Jahre 1853 gegründet Über die Gründungmitglieder, die ersten Auftritte der Kapelle und ihr Spiel sind keine Nachrichten übermittelt. Zur Zeit des Hitler-Mussolini-Abkommens über die Wahlfreiheit der Südtiroler, in Italien zu bleiben oder nach Deutschland zu emigrieren (die sogenannte "Option") wurde die Musikkapelle in "Dableiber" und "Optanten" gespalten. Am Ende des Krieges wurde die MK Vöran aufgelöst, doch schon am 2. Januar 1946 wurde wieder mit dem Proben begonnen. 1953 feierte die Musikkapelle ihr 100-jähriges Bestehen. In den 1980er Jahren wurden Partnerschaftsbande zur Stadtkapelle Bobingen geknüpft. 1988 weilte die MK Vöran in Bobingen (ASM-Bezirk 13), 1999 war die Stadtkapelle Bobingen in Vöran. 1997 wurden die ersten Mädchen in die Kapelle aufgenommen, 1999 erhielten sie eine eigene Tracht. Die Männer tragen weiterhin ihre "Burggräfler Tracht" mit den signifikanten breiten grünen Hosenträgern.
Dirigent ist seit 1996 der 1971 in Vöran geborene Stefan Aichner, der am Konservatorium in Bozen Trompete studiert.
Obmann, wie der Vorstand in Vöran heißt, ist Josef Innerhofer.
| II. Teil: Kempten - Sankt Mang - Musikverein Sankt Mang |
1. Geschichte Kemptens
Kempten zählt zu den ältesten Städten Deutschlands: schon im 1. Jahrhundert v. Chr. siedelten Kelten auf dem Gebiet des heutigen Kempten. Ein griechischer Geograph namens Strabon, der um Christi Geburt lebte, berichtete in seiner Erdbeschreibung von einem keltischen "Kambodunon". Der keltische Name bedeutet soviel wie "Stadt an der Flußkrümmung". Kempten ist damit die älteste urkundlich erwähnte Stadt Deutschlands.
Die Römer kamen ca. 15. v. Chr. hierher, errichteten ein großes Militärlager und bauten eine Stadt aus Stein, die schnell eine blühende Handelsstadt und Sitz des römischen Statthalters der Provinz Raetien wurde. Der Name der Stadt lautete "Cambodunum". Im Archäologischen Park combudunum (APC) auf dem Lindenberg werden einige Bauten des römischen Cambodunum wieder erlebbar gemacht.
Um 250 n. Chr. vertrieben die Alemannen, ein germanischer Stamm, als Vorboten der großen germanischen Völkerwanderung, die Römer aus dem Gebiet nördlich der Alpen. Die Alemannen besiedelten den Gesamten Raum der Westalpen vom Lech bis zum Rhein. Allgäuer und Schwaben werden auch heute noch zusammen mit den Vorarlbergern und Schweizern zur alemannischen Sprachgruppe gerechnet.
Um das Jahr 725 begann der heilige Magnus ("Sankt Mang"), ein Benediktinermönch aus Sankt Gallen, mit der Christianisierung der Alemannen im Allgäu. Magnus gilt deshalb als Missionar oder auch Apostel des Allgäus. Aus seiner Missionszelle entstand um 750 ein Kloster, das schon bald von dem Frankenkönig Karl dem Großen mit der Grafschaft Kempten belehnt wurde. Die Äbte des Klosters waren von da an auch die Herren über die Grafschaft Kempten, die 1215 gefürstet wurde. Seither nannten die Äbte sich "Fürstäbte".
Um das Kloster herum siedelten sich schon sehr früh Handwerker, Bauern und Gewerbetreibende an. Im Jahr 1289 wurde der neben dem Kloster gewachsene Ort von Kaiser Rudolf von Habsburg zur selbständigen Stadt erhoben. Die Stadt stand zwar weiterhin unter der Herrschaft der Fürstäbte, aber die Bürger entwickelten ein wachsendes Selbstbewußtsein. Stadtmauer, St.-Mang-Kirche und Rathaus, allesamt um 1400 erbaut, sind Zeugnisse des Stolzes der Bürger auf ihre Stadt.
Als im Allgäuer Bauernkrieg 1525 der Fürstabt vor seinen rebellierenden, plündernden, brandschatzenden und mordenden Untertanen in die sicheren Mauern der Stadt fliehen mußten, nutzen die Bürger der Stadt die Gunst der Stunde, dem Fürstabt nur unter der Bedingung Asyl zu gewähren, daß er ihnen sämtliche Herrschaftsrechte abkaufe. Mit diesem "Großen Kauf" verlor der Fürstabt von Kempten sämtliche Rechte in der Stadt; die Stadt wurde zur "Freien Reichsstadt" und unterstand fortan nur noch direkt dem Kaiser des Reichs. Bereits zwei Jahre später, 1527, schloß sich diese Freie Reichsstadt Kempten der Reformation an. Nunmehr gab es zwei Gebietskörperschaften gleichen Namens: Das katholische Fürststift Kempten mit einem Territorium von annähernd 1.000 km² und - mitten drin, wie eine Insel im Meer - die protestantische Reichsstadt Kempten.
Beide Kempten wurden in die Strudel des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) hineingezogen. Das katholische Stift schloß sich der Liga der katholischen deutschen Fürstentümer um die katholischen Habsburgerkaiser an, die protestantische Stadt der Union der protestantischen deutschen Fürsten. Katholische kaiserliche Truppen und protestantische schwedische Truppen eroberten, plünderten und brandschatzten in den Jahren 1631 - 1634 wechselseitig das jeweils andere Kempten. Von 6000 Reichsstädtern im Jahr 1618 waren im Jahr 1648 noch ganze 800 am Leben. Beide Kempten wurden vollständig zerstört und mußten von Grund auf neu aufgebaut werden.
Mit dem Neubau des Klosters und der Lorenzkirche ab 1651 begann für das Stift die Blütezeit des Barock: An der Stelle des im Kriege zerstörten Klosters entstand eine großzügige fürstäbtliche Residenz, an der Stelle der alten Pfarrkirche eine frühbarocke Basilika. Die Bautätigkeit der barocken Fürstäbte stürzte das Stift freilich auch in tiefe Schulden.
Dennoch riß die Bautätigkeit nicht ab, bis im Jahr 1803 im Zuge der napoleonischen Kriege die mit Napoleon verbündeten bayerischen Truppen beide Kempten besetzten, und durch einen Beschluß des Regensburger Reichstages alle Klöster säkularisiert, d. h. aufgelöst, und alle Reichsstädte mediatisiert, d. h. ihrer Reichsfreiheit beraubt wurden. Das Kloster Kempten wurde deshalb aufgelöst, der letzte Fürstabt in Pension geschickt, und sowohl das Kloster Kempten wie auch die Reichsstadt Kempten wurden dem Kurfürstentum (ab 1806 Königreich) Bayern angeschlossen. Die beiden Kempten hatten damit ihre politische Selbständigkeit verloren und wurden ab 1811 zwangsweise vereinigt.
Wenn auch die beiden Städte administrativ und politisch vereint waren, so war es doch die Bevölkerung noch lange nicht: in den Köpfen der Kemptener dauerte die Spaltung in katholische Stiftsstädter und protestantische Reichsstädter noch lange fort. Als z. B. im Jahr 1857 der (alte) Kemptener Bahnhof eröffnet wurde, diskutierte die Kemptener Presse allen Ernstes die Frage, ob es sich dabei nun um einen katholischen oder um einen evangelischen Bahnhof handle, und ob man nicht besser noch einen zweiten Bahnhof bauen solle oder zumindest einen Eingang für Evangelische und einen für Katholische. Nur mühsam wurde die alte Rivalität überwunden.
2. Geschichte von Sankt Mang
a) Sankt Mang als Ortsname
Genau am 17. Mai 1818 wurde aus 4 Dörfern, 23 Weilern und 29 Einöden eine politische Gemeinde namens Sankt Mang künstlich geschaffen. Dazu gehörten Lenzfried, Leubas, Leupolz, Hafenthal, Ursulasried, Riederau, Kottern, Schelldorf, Neudorf und 47 andere Ortschaften.
Am 1. Juli 1972 wurde diese Gemiende in die Stadt Kempten eingemeindet. Wenn heute vom Stadtteil Sankt Mang die Rede ist, so sind die ehemaligen Dörfer Kottern, Schelldorf und Neudorf sowie die Neubaugebiete Oberösch, Oberwies, am Heubach und auf der Ludwigshöhe gemeint. Um deren Geschichte soll es im folgenden gehen.
b) Kottern im Hoch- und Spätmittelalter
Das Allgäuer eisenverarbeitende Handwerk hatte im Hoch- und auch im Spätmittelalter eine hohe Blüte erlebt. In den Allgäuer Alpen, u.a. am Südhang des Grünten wurde Erz gefördert, das in Hammerschmieden an der Iller weiterverarbeitet wurde. 1368 werden Hammerwerke in "Nitdorf" (= Neudorf) urkundlich erwähnt. Mit dem Niedergang der Allgäuer Eisenindustrie wurden diese Hammerwerke stillgelegt und verlassen. Solche halbverfallenen Werkstätten ohne Zubehör und Acker wurden "Kotterhäuser" genannt.
Die Hammerwerke wurde offenbar teilweise in Papiermühlen umgewandelt, denn in einer Urkunde aus dem Jahre 1509 ist von Papiermühlen in Kottern die Rede. 1525 übertrug der Kemptener Fürstabt bestimmte Rechte an einer Papiermühle und an den Hammerwerken an einen gewissen Pantaleon Vogt.
Im Jahr des Großen Kaufs anno 1525 kam Kottern an die Reichsstadt Kempten.
c) Sankt Mang im 19. Jahrhundert
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mußte die Allgäuer Papierindustrie vor der qualitativ hochwertigen Konkurrenz, v.a. aus Württemberg, die Segel streichen. Der Schweizer Unternehmer Caspar Honegger erwarb von 1845 bis 1850 die drei Papiermühlen und richtete in Ihnen eine leistungsfähige Baumwollspinnerei ein. Kottern erlebte dadurch einen starken Zustrom von Arbeitskräften aus dem ganzen Allgäu, aber auch aus Tirol, Voralberg und der Schweiz. Hatten 1845 in Kottern erst drei Wohnhäuser gestanden, so lebten in Kottern, Schelldorf und Neudorf zusammen zehn Jahre später bereits 1000 Menschen.
Die Textilfabrik war in jeder Hinsicht die Lebensader Kotterns. Beinahe alle Einwohner Kotterns, Neudorfs und Schelldorfs lebten direkt oder indirekt von Ihr. Trotzdem und obwohl Honegger seinen Arbeitern einen lokal überdurchschnittlichen Lohn zahlte, brachte die Industrialisierung und der rasche Zuzug von Menschen Probleme mit sich. Mehr als es unter den Fabrikherrren jener Zeit üblich war, entfaltete Honegger so etwas wie soziale Fürsorge für seine Arbeiter: Er unterstützte eine Art sozialen Wohnungsbau in Kottern und ließ für die Arbeiterkinder eine Schule einrichten. Außerdem förderten er und sein Schwiegersohn und Nachfolger Fries das Vereinsleben, insbesondere das Musikleben in Kottern.
d) Sankt Mang im 20. Jahrhundert
Dennoch konnte die Arbeiterbewegung und der Kommunismus natürlich rasch in Kottern Fuß fassen. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sprach man vom "roten Kottern". Die Grundschule in Sankt Mang ist bis auf den heutigen Tag nach Gustav Stresemann, dem herausragenden Außenminister der sozialdemokratisch geprägten Weimarer Republik benannt, die Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt steht in der Friedrich-Ebert-Straße, benannt nach dem sozialdemokratischen Präsidenten dieser ersten deutschen Republik.
Am Anfang der nationalsozialistischen Diktatur begehrte demgemäß noch der eine oder andere auf: 1932 hatten die Kotterner einen Durchmarsch der SA durch die Ludwigstraße verhindert, indem sie Pflastersteine für eine Auseinandersetzung bereitgelegt und die SA genötigt hatten, ihren Marsch nach Kempten auf einer anderen Route durchzuführen. In den ersten Tagen der Machtergreifung dann schrieb eine unbekannte Hand in großen Lettern "Rotfront" an den Turm der Textilfabrik.
Indessen paßten sich die Kotterner schnell an oder hielten doch zumindest still. Anders als in Kempten und sonst in Deutschland war in Kottern auch in den 20er Jahren die Beschäftigungslage gut, in den 30er Jahren waren rund 1400 Arbeiter in der Textilfabrik beschäftigt. Dank wirtschaftlicher Sicherheit hatten die Bürger Muße, sich um andere Dinge zu kümmern als nur um das tägliche Brot. Das Vereinsleben blühte, Fabrikdirektor Kremser förderte insbesondere den Sport, bezahlte guten Turnern auch mal die Schulden aus eigener Tasche. Kempten konnte mit dem vitalen Kottern damals in keiner Weise mithalten. Der Erhalt dieses Wohlstands war den Kotternern wichtiger als politisches Martyrium. Widerstand gab es zwar, aber er war selbst im einstmals "roten Kottern" die Ausnahme.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg florierte Sankt Mang. Kottern, Schelldorf und Neudorf wuchsen allmählich auch städtebaulich zu einem geschlossenen Ort zusammen. Neue Industrien siedelten sich an, neue Wohngebiete wurden erschlossen. Die Geschichte der Gemeinde Sankt Mang endet am 1. Juli 1972. An diesem Tag wurde sie im Zuge der Gebietsreform in die Stadt Kempten eingemeindet. Sankt Mang ist heute ein eigener Stadtteil Kemptens.
3. Blaskapellen in Kempten
Der Musikverein Sankt Mang e.V. ist - neben dem Musikverein Lenzfried, der Musikkapelle Kempten-Heiligkreuz und der Stadtkapelle Kempten - eines der vier Blasorchester der Stadt Kempten (Allgäu).
4. Geschichte des Musikvereins Sankt Mang
Wegen der komplizierten Geschichte Sankt Mangs muß man in den einzelnen Dörfern, aus denen Sankt Mang entstand, nach Spuren der Vorgänger des Musikvereins Sankt Mang suchen. Hinzu kommt, daß der heutige Kemptener Stadtteil Lenzfried, ein ehemaliger Ortsteil der alten Gemeinde Sankt Mang, eine eigene Musikkapelle mit weit zurückreichender Tradition besitzt, und sich aus alten Urkunden nicht immer klar ergibt, ob Musiker, die etwa in der Lenzfrieder Pfarrkirche Sankt Magnus spielten, nicht etwa aus Kottern, Schelldorf oder Neudorf stammten und somit eigentlich "Sankt Manger Musiker" sind.
Einigermaßen klar ist lediglich, daß ein gewisser Josef Seele, geb. 1823, der Gründer der sogenannten "Seele-Musik" in Kottern, der Keimzelle der Musikkapelle Kottern, gewesen sein dürfte. Wann diese "Seele-Musik" gegründet wurde, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit nachweisen.
Ein Inserat in der Allgäuer Zeitung von 1889 informiert über die Existenz der Musikkapelle Neudorf, die sich mit der Musikkapelle Durach zu einem Konzert zusammentat.
Aus dem Jahre 1892 datiert die älteste bislang aufgefundene Erwähnung der Musikkapelle Kottern.
Für das Jahr 1900 ist die Gründung der Musikkapelle Schelldorf belegt.
Zusammen mit den Musikkapellen von Kottern und Neudorf liegt hier somit hinsichtlich des Musikvereins Sankt Mang der ausgesprochen seltene Fall vor, daß ein Kind drei Eltern hat.
Während des 1. Weltkriegs schloß sich die "Seele-Musik" aus Kottern mit der Musikkapelle aus Schelldorf zusammen, um angesichts der Einberufung vieler Musiker zum Militärdienst spielfähig zu bleiben. Diese Zusammenarbeit wurde in den 20er Jahren aufrechterhalten, bis sich die Musiker schließlich unter dem Dach der Musikkapelle Kottern endgültig zusammenschlossen.
Während des nationalsozialistischen Herrschaft wurden alle Vereine gleichgeschaltet, d. h. sie wurden als selbständige Vereine aufgelöst und irgendeiner NS-Organisation eingegliedert. Statt einer Musikkapelle in jedem Dorf gab es nunmehr z. B. nur noch die SA-Kapelle Kempten Land. De facto musizierten aber die meisten Musikkapellen als lose Verbindungen weiter, so auch die Musikkapelle Kottern,. So blieb die blasmusikalische Tradition trotz Hindernissen gewahrt: Im Notenarchiv des Musikvereins finden sich undatierte Marschbücher, die durch ihren Inhalt eindeutig als nationalsozialistisch ausgewiesen sind. Sie tragen einen Stempel mit der Aufschrift "Orchesterverein Kottern, gegr. 1920".
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Spielbetrieb notdürftig aufrecht erhalten, doch die amerikanische Besatzungsmacht verbot 1945 jegliche Vereinstätigkeit von Deutschen. Trotzdem wurde in aller Stille geprobt, bis man sich schließlich 1950 entschloß, einen neuen Verein zu gründen.
Die ersten zwei Jahrzehnte gestalteten sich als schwierig, die Musikkapelle wanderte durch Höhen und Tiefen, wobei die Höhen kurz, die Tiefen lang waren.
Erst in den 1970er Jahren gelang es dem Vorsitzenden Ludwig Engstler (Vorsitzender 1966 - 1991) und dem Dirigenten Anton Steiger (Dirigent 1968 - 1985), den Verein organisatorisch und musikalisch zu stabilisieren.
1989/90 bauten die Musiker den von der Stadt erworbenen ehemaligen Sankt Manger Bahnhof am Theodorplatz zu einem Musikerheim um. Am 3. März 1990 fand die Schlüsselübergabe durch Kemptens damaligen Oberbürgermeister Dr. Josef Höß statt.
5. Der Musikverein Sankt Mang heute
Der MStM setzt sich derzeit aus zwei Klangkörpern zusammen: Dem Blasorchester mit rund 50 Musikern und einer Alphorngruppe.
Er besitzt ein vielseitiges Repertoire:
* Konzertmusik
* Stimmungsmusik
* Marschmusik
* geistliche Musik
* Tanzmusik
* Volkstümliche und moderne Unterhaltungsmusik
Die beiden "musikalischen Standbeine" des MStM sind jedoch zweifellos zeitgenössische Konzert- und moderne Stimmungsmusik
Zu den wichtigsten Stimmungsauftritten des MStM gehören alljährlich das Bockbierfest in der Gaststätte "Zum Schmelztiegel" in Sankt Mang und die Allgäuer Festwoche. Für Stimmungsabende und Bayerische Abende ist der MStM seit einigen Jahren auch außerhalb des Allgäus eine gefragte Unterhaltungskapelle:
* 1991 in Hamm/Sieg (Rheinland-Pfalz)
* 1992 in Eberholzen (Niedersachsen)
* 1995 in Breitenthal (Landkreis Günzburg)
* 1996 in Mutlangen (Baden-Württemberg)
* 1996 in Saarbrücken (Saarland)
* 1996 wieder in Breitenthal
* 1997 in Grafelde (Niedersachsen).
* 1998 in Sopron und Býk (Ungarn)
* 2000 in Vöran (Südtirol)
Das Repertoire reicht dabei von Schunkelwalzern bis zur Rockmusik. Elektronische Instrumente (Synthesizer, E-Baß, E-Gitarre) und optische Effekte (Lichtorgel, Nebelwerfer) sowie die Alphorngruppe des MStM ergänzen dann die Blaskapelle.
Zum kulturellen Rahmenprogramm der Allgäuer Festwoche (Mitte August) trägt der MStM alljährlich mit seinen Bläserkonzerten im stimmungsvollen Innenhof der Fürstäbtlichen Residenz bei, die stets als Gemeinschaftskonzerte mit anderen Kapellen veranstaltet werden:
* 1993 mit dem Jugendblasorchester Sopron (Ungarn)
* 1994 mit der Jugendblaskapelle Sonthofen (Oberallgäu)
* 1996 mit der Harmoniemusik Welden (Landkreis Augsburg).
* 1997 mit der Musikkapelle Maierhöfen (Westallgäu)
* 1999 wieder mit dem Jugendblasorchester Sopron (Ungarn)
* 2000 mit der Musikkapelle Vöran (Südtirol)
Die Saison beginnt alljährlich Anfang Januar mit dem Neujahrskonzert. Hierbei sind im MStM auch die sogenannten "Mangelinstrumente" besetzt, wie z.B. Baßklarinette oder Oboe. Für die klangliche Aufwertung der Konzertmusik wurde bereits zu Beginn der 1990er Jahre der Hornsatz von Es-Hörnern auf Waldhörner umgestellt, der Schlagzeugsatz um Pauken, Xylophon und Glockenspiel erweitert.
Alljährlich im November bietet der MStM Instrumentalkurse für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren an. Ca. 30 sind in Ausbildung. Qualifizierte Ausbildungskräfte auf allen Instrumenten führen die Ausbildung durch.
Neben einer gediegenen musikalischen Ausbildung ist der MStM auch um eine intakte soziale Atmosphäre im Verein bemüht. Die Jungmusiker unter 18 Jahren wählen einen eigenen Vertreter in die Vorstandschaft, der dort ihre Interessen wahrnimmt. Dem Jugendleiter steht ein eigener Etat zur Verfügung, aus dem z.B. alljährlich ein Jungmusikerausflug finanziert wird. In den letzten Jahren waren dies:
* 1991: Fahrt zum Europapark nach Rust
* 1992: Fahrt zum Deutschen Museum
* 1993: Hüttenwochenende
* 1994: Ausflug zum AlpaMare am Zürichsee
* 1995: Fahrt zum Europapark nach Rust
* 1996: Schlittenfahrt in Immenstadt.
* 1997: Besuch der Bavaria Filmstudios in München
* 1998: Hüttenwochenende
* 1999: Zeltwochenende
Vorsitzender Wolfgang Fiedler, Jahrgang 1955, verheiratet, 3 Kinder, Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn AG. Er ist schon über 20 Jahre in der Vorstandschaft tätig, wirkte darin zunächst als Notenwart und Jugendleiter und wurde 1991 zum ersten Vorsitzender gewählt. Sein Augenmerk gilt der Ausbildung von Jungmusikern und das Knüpfen von Kotakten zu auswärtigen Musikkapellen. Ein weiteres Hobby neben der Musik ist der Computer.
Dirigent Stephan Thomae, Jahrgang 1968, studierte Geschichte und Jura an der Universität München und Speyer, Rechtsanwalt in einer alteingesessenen Kemptener Anwaltskanzlei. 1977 begann er mit der Instrumentalausbildung beim MStM, wurde bereits als Jungmusiker in die Vorstandschaft gewählt und versah dort zunächst das Amt des Notenwarts. Seit 1990 hat er die musikalische Gesamtleitung beim MStM inne. Sein musikalisches Augenmerk gilt der Förderung zeitgenössischer Kompositionen im Konzertsektor und dem Experimentieren mit neuen technischen Möglichkeiten und der Umsetzung von Rock- und Popmusik sowohl im Konzertsaal als auch im Bierzelt.
| III. Teil: Besuch MStM in Vöran |
Sa./So. 29./30.7.2000 (Sommerfest Vöran)
Samstag, 29.7.2000
Vormittag: Anreise
Nachmittag: Besichtigung des Fernheizwerkes in Vöran
Abend: Sommerfest der Musikkapelle Vöran
Sonntag, 30.7.2000
10.00 h: Messe (Schubert-Messe),
anschl.: kurzes Platzkonzert
anschl.: Frühschoppenkonzert der MK Vöran
13.30 h: Festumzug
14 - 16 h: Unterhaltungskonzert auf dem Festplatz
anschl.: Abreise
| IV. Teil: Besuch MK Vöran in Kempten |
Fr. - So. 18.-20.8.2000 (Allgäuer Festwoche)
Freitag, 18.8.2000
Anreise der Gäste
20 h: Bläserkonzert im Residenzhof
(bei Schlechtwetter im Stadttheater)
Samstag, 19.8.2000
tagsüber zur freien Verfügung,
evtl. Ausflug nach Füssen,
Forggensee, Königsschlösser
19 h: Unterhaltungskonzert MStM
im Festzelt der Allgäuer Festwoche
Sonntag, 20.8.2000
vormittags: Fußballspiel und Frühschoppen mit Musik
am Schmelztiegel
anschl.: Abreise der Gäste
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